Arbeit als Selbstzweck?

Welche Bedeutung hat Arbeit für uns Menschen?

Leben wir, um zu arbeiten oder arbeiten wir, um zu leben? Oder trifft beides nicht zu?

Gerade in der westlichen Welt ist die Debatte um Arbeit, vor allem Erwerbsarbeit und die Frage der da-mit verbundenen Arbeitszeit, virulent.

Auch möchte ich der Frage nachgehen, ob man Arbeit, hierbei ist im Kern die Erwerbsarbeit gemeint, einen Selbstzweck zuschreiben kann.
Der Begriff Selbstzweck bezeichnet Sachverhalte bzw. Tätigkeiten, die ihren Wert in sich selbst tragen und nicht als Mittel zur Verfolgung anderer Zwecke dienen.

Hintergrund

Als ich vor vielen Jahren von einem der klassischen Werke der modernen Soziologie gehört habe, veränderte sich meine Einstellung zur Arbeit und dem Arbeitsleben im Allgemeinen.
Gemeint ist der soziographische Versuch namens „Die Arbeitslosen von Marienthal“. Es handelt sich um die Untersuchung von Marie Jahoda, Paul Felix Lazarsfeld und Hans Zeisel zu den Folgen von Arbeitslosigkeit. Die Quellen der nachstehenden Hintergrundinformationen ersehen Sie am Ende des Artikels.

Die Autoren und Verantwortlichen der Untersuchung, alle drei tätig an der von Lazarsfeld gegründeten Wirtschaftspsychologischen Forschungsstelle in Wien, eigentlich ein Marktforschungsinstitut, waren gleichzeitig politisch sehr aktive Sozialisten, die gerne mit ihrem sozialpsychologischen Wissen, auch et-was für die Arbeiterschaft Nützliches beigetragen hätten.

Die Arbeitersiedlung Marienthal liegt in Gramatneusiedl, einem Ort in der Nähe Wiens. Die Schließung einer Fabrik ab 1929, nach deren Inbetriebnahme die Gemeinde gegründet worden war, führte während der Weltwirtschaftskrise um 1931 zu einer stark anwachsenden Arbeitslosigkeit und Verelendung, da die Arbeitslosenunterstützung nur ein Viertel des bisherigen Einkommens betrug.

Die Studie zeigte die sozio-psychologischen Wirkungen von Arbeitslosigkeit auf und machte deutlich, dass Langzeitarbeitslosigkeit nicht – wie vielfach angenommen – zu Revolte, sondern zu Einsamkeit und passiver Resignation führt.
Die sozialen Einrichtungen wie Vereine, Parks, Theater, Bibliothek wurden nicht mehr genutzt. Die Arbeitslosigkeit wurde zur einzigen Identifikationsmöglichkeit. Es entstand eben eine resignierte Gemeinschaft.
Als Hinweis sei erwähnt, dass damals erst 12 Jahre vergangen waren, seit die Arbeiter mit der Revolution von 1918 auch den 8-Stundentag erkämpft hatten – damals noch in einer 48-Stunden Woche.

Etwa 40 Jahre nach dieser Untersuchung fragte jemand bei einem Radiointerview Marie Jahoda, ob sie damals als engagierte Sozialisten keine Skrupel gehabt hätten, ihre kostbare Zeit mit Marktforschung zu vergeuden, statt etwa sinnvolle Sozialforschung zu betreiben.

Worauf Marie Jahoda ungefähr antwortete: „Damals, in dieser schrecklichen Zeit, wo wir unter unseren Mitarbeitern Doktoren der Nationalökonomie und der Politikwissenschaft hatten, für die das bisschen, das sie bei uns als Interviewer verdienen konnten, ihr einziges Einkommen war, da hatten wir keine Zeit für solche Skrupel.“

Hier einige Auszüge aus den Ergebnissen der Untersuchung und Zitaten der Autoren:

„Wer weiß, mit welcher Zähigkeit die Arbeiterschaft seit den Anfängen ihrer Organisation um die Verlängerung der Freizeit kämpft, der könnte meinen, dass an allem Elend der Arbeitslosigkeit die unbegrenzte freie Zeit für den Menschen doch ein Gewinn sei. Aber bei näherem Zusehen erweist sich diese Freiheit als tragisches Geschenk. Losgelöst von ihrer Arbeit und ohne Kontakt mit der Außenwelt, haben die Arbeiter die materiellen und moralischen Möglichkeiten eingebüßt, die Zeit zu verwenden.“ (Jahoda, Lazarsfeld & Zeisel, 1975, 83)

Die Anteilnahme des Einzelnen an allem, was außerhalb der eigenen Person oder der eigenen Familie vor sich geht, im Ort oder außerhalb des Ortes, schrumpft ein. Die Menschen ziehen sich in sich selbst zurück. Der Kitt, der in normalen Zeiten die Gemeinschaft zusammenhält, trotz aller politischen und sonstigen Gegensätzlichkeiten, die ja zumeist selbst ein Ausdruck der Anteilnahme an dieser Gemeinschaft sind, beginnt zu zerbröckeln.

Liest man in der Marienthal-Studie die Berichte einzelner Arbeiter, dann taucht immer wieder auf, dass die Arbeitslosen neben der wirtschaftlichen Not am meisten den Verlust ihrer eigenen Menschenwürde als nützliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft beklagten. Was auch von späteren Studien immer wieder bestätigt wurde.

Besonders eindrucksvoll behandelt das Problem Marie Jahoda in ihrem 1983 erschienenen Buch „Wieviel Arbeit braucht der Mensch?“.
Dort berichtet sie unter anderem darüber, wie ein von Quäkern in England zwischen 1936 und 1938 für etwa 400 seit Jahren arbeitslose Bergarbeiter eingerichtetes Selbsthilfeprojekt letzten Endes vor allem an diesem Aspekt scheiterte: es war eingerichtet als eine Produktionsgenossenschaft, in der die Mitglie-der allerlei Lebensbedarf erzeugen und dann zum Selbstkostenpreis plus einem geringen Aufschlag zur Deckung der Verwaltungskosten für den eigenen Bedarf – aber nicht zum Weiterverkauf – kaufen konn-ten.
Sie durften weiter ihre Arbeitslosenunterstützung beziehen – deren Kaufkraft auf die Art um etwa 1/3 er-höht wurde – bekamen aber darüber hinaus keine Löhne. Sodass viele von ihnen, besonders die Jüngeren, sich, sehr zu Unrecht natürlich, von den wohlmeinenden Quäkern ausgebeutet fühlten und die Arbeit nicht ernst nahmen und es zu allerlei Unzukömmlichkeiten kam.
Was offenbar zeigte, dass selbst sinnvolle Beschäftigung allein noch nicht genügt – es fehlte die gesellschaftliche Anerkennung der Arbeit, die, selbst dort, wo Menschen wirklich ausgebeutet werden, und oft zu elenden Löhnen arbeiten müssen, Bestandteil der Gesamtsituation ist, in der gesellschaftlich als notwendig anerkannte Arbeit mit gesellschaftlich anerkannten, wenn auch allenfalls elenden Löhnen bezahlt wird.
In späteren Jahren in Amerika bemerkte Lazarsfeld gelegentlich, dass es einer der wichtigsten Aspekte von Arbeitsbeschaffungsprogrammen des New Deal in Amerika war, dass dabei zwar nicht hohe, aber doch reguläre Löhne bezahlt wurden und nicht sozusagen Arbeitslosenunterstützung, für die man eben arbeiten musste, was oft bei Arbeitsbeschaffungsprogrammen in Europa der Fall war – ausgenommen übrigens gewisse Arbeitsbeschaffungsprogramme in Schweden, die ebenfalls reguläre Löhne bezahlten.

Dieser Aspekt der Arbeitslosigkeit, der also nicht durch bloße Arbeitsbeschaffung in Arbeitsprogrammen an sich überwunden werden kann, solange sie nicht mit regulären, gesellschaftlich als solchen anerkannten Löhnen verbunden sind, weil nur, wenn es dabei auch die letzteren gibt, sich die Menschen in ihrer Menschenwürde bestätigt finden, hat gewiss auch in unserer Zeit seine Gültigkeit. Er sollte darum vor allem von Gewerkschaften ständig im Auge behalten werden, wenn sie in unserer Zeit wiederum rasch um sich greifender Arbeitslosigkeit entweder mit ihren Regierungen über zweckmäßige Maßnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verhandeln oder mit den Regierungen darüber im Streit liegen. Sowohl in ihrem eigenen Interesse als Vertreter der Arbeiterschaft, wie im Interesse der Menschenwürde der unmittelbar von der Arbeitslosigkeit Betroffenen.

Die Bedeutung der Arbeit

Studien wie jene aus Marienthal und die Arbeit mit vielen Unternehmen und tausenden Beschäftigen in den letzten Jahrzehnten unserer Beratungs- und Lehrtätigkeit haben mir gezeigt, welche Bedeutungsdimensionen Arbeit für Menschen hat bzw. haben kann.

Die wesentlichen Bedeutungsdimensionen im Überblick:

Zeitstrukturen

Arbeit hilft uns, unsere Zeit einfacher und besser zu strukturieren. Wann starten wir mit einer Aufgabe, wann ist es Zeit für Pausen, wann ist Arbeitsende, usw.?
Wir erhalten ein Gefühl für die Zeit und unser Geist, und auch unser Körper kann besser zwischen den verschiedenen Zuständen Anspannung, Entspannung und Erholung pendeln.

Soziale Kontakte & Gemeinschaft

Arbeit bietet uns Menschen viel Raum für soziale Erfahrungen und Kontakte zu anderen Menschen. Wir entwickeln leichter wichtige soziale Kompetenzen und lernen einiges über die Gedanken und die Gefühle der anderen.
Ein weiterer wichtiger Aspekt ist, dass das gemeinsame Arbeiten mit anderen Menschen uns lehrt, dass gewisse Leistungen nur gemeinsam möglich sind. Gerade aus motivationaler Sicht ist entscheidend, nicht nur die eigene Tätigkeit im Blick zu haben, sondern das Endergebnis, zu dem die eigene Arbeit und jene der anderen führt.

Soziale Integration & Identität

Arbeit bietet in vielerlei Hinsicht die Möglichkeit der sozialen Integration. Kollegialität erfahren, Bekanntschaften und Freundschaften schließen, gegenseitige Unterstützung erleben, das sind Möglichkeiten, die Menschen wachsen lassen können.
Darüber hinaus kann Arbeit helfen, einen Platz in der Gesellschaft zu finden und eine soziale Identität zu entwickeln.

Sinnfindung

Eine der Möglichkeiten, Sinn im Leben zu finden, ist nach Viktor Frankl die Zuwendung zu einem Werk, einer Sache, einer Aufgabe. Das Arbeitsleben bietet hier ein breites Spektrum an Möglichkeiten.

Hinweis: Das Lebenswerk von Viktor Frankl bietet das Fundament für unsere Angebote im Bereich Motiva-tion und Selbstmanagement. Seine Lehren unterstützen Menschen dabei, freier, selbstbestimmter und zu-friedener leben zu können.

Arbeit: Warum und wozu?

Aufgrund der oben angeführten Bedeutungsdimensionen und aufgrund der Zweckerfüllung von Unter-nehmen kann ich die Frage, ob Arbeit – hier gemeint als Erwerbsarbeit – einen Selbstzweck hat, klar be-antworten: NEIN.

Erwerbsarbeit ist sehr bedeutsam für Menschen, sie bietet einen Rahmen, innerhalb dessen sich der Mensch entwickeln kann. Aber, um es mit Viktor Frankl zu sagen: Das ist eine Denkmöglichkeit, aber keine Denknotwendigkeit. Der Mensch ist frei, sich dieser Möglichkeiten zu bedienen oder eben nicht.

Selbst wenn Menschen diese oben angeführten Bedeutungsdimensionen für sich als wertvoll erkennen und die Vorteile für sich nutzen möchten, so wird Erwerbsarbeit doch immer als Mittel zur Verfolgung anderer Zwecke dienen. Auch dann, wenn das Arbeitseinkommen nicht im Vordergrund steht, sondern die Sinnfrage, die damit verbundene Zufriedenheit, der Selbstrespekt und so weiter.

Aber es gibt noch einen zweiten Grund, warum Erwerbsarbeit keinen Selbstzweck aus sich der arbeitenden Menschen darstellt, der um nichts weniger wichtig ist.
Hier geht es um die Frage: warum gibt es eigentlich Wirtschaftsunternehmen? Was ist deren Zweck? Ausführlich klären wir das in einem eigenen Beitrag.

Hier die Kurzversion:

Um richtig einschätzen zu können, was ein Unternehmen ist, müssen wir zunächst verstehen, worin sein Zweck besteht.
Dieser Zweck muss außerhalb des Unternehmens liegen. Tatsächlich muss er in der Gesellschaft liegen, da das Unternehmen ein Organ der Gesellschaft ist. Es gibt nur eine richtige Definition für den Zweck ei-nes Unternehmens: Es muss Kunden finden.

Das Bedürfnis, das ein Unternehmen befriedigt, kann der Kunde bereits gespürt haben, bevor ihm eine Möglichkeit angeboten wurde, es zu befriedigen. Wie die Nahrung während einer Hungersnot beherrscht es möglicherweise das gesamte Denken des Kunden, bleibt jedoch so lange ein potenzielles Bedürfnis, bis es ein Wirtschaftstreibender in eine tatsächliche Nachfrage verwandelt.

Der Kunde entscheidet darüber, was ein Unternehmen ist. Einzig und allein die Bereitschaft des Kunden, für ein Wirtschaftsgut oder eine Dienstleistung zu bezahlen, wandelt wirtschaftliche Ressourcen in Wohl-stand um, macht aus Dingen Güter.
Der Kunde kauft niemals nur ein Produkt. Er kauft stets einen Nutzen. Welchen Wert er Produkten oder Dienstleistungen beimisst, hängt davon ab, was diese für ihn leisten. (Drucker 2005, S. 35-37)

Wenn man also zur Kenntnis nimmt, dass die Kunden und Kundinnen einem Unternehmen seine Lebensberechtigung als künstlich geschaffenes System erteilen (und im schlimmsten Fall auch jederzeit wieder entziehen können), so muss auch klar sein, dass die Arbeit der Menschen in einem Unternehmen nicht als „Selbstzweck“ gesehen werden kann.

Wir alle arbeiten für diese Instanz, die das Unternehmen am Leben hält: für die Kunden!

Quellen:
Drucker, F. P.; Was ist Management? Das Beste aus 50 Jahren, 3. Auflage; Berlin 2005
„Die Arbeitslosen von Marienthal“. Ein soziographischer Versuch. Paul F. Lazarsfeld, Marie Jahoda, Hans Zeisel. S. Hirzel, Leipzig 1933
Paul Neurath; Vortrag auf der Alfred Dallinger Tagung des Instituts für Arbeiterbildung in Marienthal am 10. April 1991; URL: https://ams-forschungsnetzwerk.at/downloadpub/marienthal.pdf
URL: https://de.wikipedia.org/wiki/Die_Arbeitslosen_von_Marienthal
URL: http://www.mental-blog.com/MentalBlog_Synergy/sinn-der-arbe-it/#:~:text=Zusammenfassend%20l%C3%A4sst%20sich%20sagen%2C%20dass,Ma%C3%9Fnahmen%20auch%20st%C3%A4rker%20ber%C3%BCcksichtigt%20werden

Autor Paul Slamanig

Inhalte teilen:

Facebook
Twitter
Pinterest
LinkedIn
Paul Slamanig

Paul Slamanig

Mag. Paul Slamanig ist Wirtschaftstrainer und Unternehmensberater mit über 30 Jahren Erfahrung.

Fakten, Tipps und Arbeitshilfen für Führungskräfte

Abonnieren Sie unseren Newsletter!

Haben Sie Fragen zu unserem Bildungsangebot?

Kategorien

Weitere interessante Beiträge

Wissen schenken

Geschenke zaubern ein Lächeln in unser Gesicht Mit den Gutscheinen der BusinessClass Trainings verschenken Sie die Möglichkeit, Wissen und hochwertige Weiterbildung zu erhalten. Diese Geschenke

Management Essentials

Wesentliche Erkenntnisse aus 25 Jahren Erfahrung Die gegenwärtigen wirtschaftlichen Schwierigkeiten, deren massive Verschärfung meines Erachtens vorprogrammiert ist, sind nur zu einem geringen Teil politischen Fehlern

Management versus Leadership

Diese Diskussion ist irreführend! Es ist eine mutwillige Differenzierung, die zu Verwirrungen führt und die Management- bzw. Leadership-Konzepte diffamiert. Hier eine Klarstellung mit Einbeziehung der